Essay
Wenn Menschen von Kirschblüten sprechen, sprechen sie fast immer von Japan. Von rosa Blütenmeeren entlang des Philosophenwegs in Kyoto, von Picknicks unter den Bäumen in Tokio oder von den ikonischen Bildern, die jedes Jahr millionenfach durch soziale Medien wandern. Kaum eine andere Blüte hat es geschafft, so eng mit einem Land verknüpft zu werden wie die Sakura mit Japan. Kein Wunder, dass das Land in diesem Jahr mit 3,6 Millionen internationalen Touristen während der Kirschblütensaison einen neuen Besucherrekord verzeichnete.
Auch ich gehörte lange zu denen, die glaubten, die Kirschblüte lasse sich eigentlich nur dort bestaunen. In meiner Vorstellung würde ich eines Tages nach Japan reisen, durch blütenübersäte Parks spazieren und genau jene Bilder sehen, die ich seit Jahren aus Reiseführern, Blogs und Instagram kannte. Die Sakura schien wie ein Ereignis, das ich einmal im Leben selbst erlebt haben musste.
Während also jedes Frühjahr Millionen Menschen nach Japan strömen, fand ich mich vor zwei Jahren überraschenderweise nicht in Kyoto, sondern in Taiwan wieder. Und plötzlich fragte ich mich: Warum spricht eigentlich niemand über die Kirschblüte in Taiwan?
Bis heute gilt Taiwan für viele Reisende als Geheimtipp für die Kirschblüte in Asien, obwohl die Insel zahlreiche Spots bietet.
Als ich zum ersten Mal die Treppen zum Wuji Tianyuan Temple hinaufging, wehte ein leichter Wind durch die Baumkronen. Zwischen den rosa Blüten erhob sich der Tempel vor den grünen Hügeln im Norden Taipehs, der Himmel stark bewölkt. Aber das ließ mich nicht von meiner guten Laune abbringen. Was mir von diesem Moment in Erinnerung geblieben ist, waren ohnehin nicht die Blüten selbst oder die Umgebung.
Es war die Stille.
Es gab keine Menschenmengen, die sich um die Kirschbäume oder den besten Fotospot drängten. Niemand wartete darauf, dass andere endlich aus dem Bild verschwanden. Niemand schien unter Druck zu stehen, das perfekte Erinnerungsfoto zu schießen. Stattdessen saßen ein paar wenige Menschen auf Parkbänken, tranken Boba Tea und blickten schweigend auf die Blüten.
Ich setzte mich ebenfalls auf eine Bank, beobachtete die Blüten vor der wunderschönen Bergkulisse und dem Tempel und hatte das Gefühl, etwas zu erleben, das im modernen Reisen selten geworden ist: einen Ort zu bestaunen, ohne jegliche Erwartungen. Vielleicht war genau das der Grund, weshalb mich Taiwan so berührte: Denn eigentlich ging es nie um die Kirschblüten, es ging um etwas anderes.
Was mich damals noch mehr überraschte als die unkomplizierte Reise selbst, war etwas anderes: Warum hatte ich nie zuvor von der Kirschblüte in Taiwan gehört? Schließlich schien das Internet Jahr für Jahr von Bildern aus Japan überschwemmt zu werden. Als gäbe es nur einen einzigen Ort auf der Welt, an dem Kirschbäume blühen.
In den vergangenen Jahren habe ich immer häufiger das Gefühl, dass Reisen von außen vorgegeben wird. Das Internet erzählt uns, wohin wir reisen sollen, wann wir reisen sollen und welche Orte wir gesehen haben müssen. Es gibt die perfekte Jahreszeit, zig perfekte Fotospots und die eine perfekte Reiseroute. Manchmal scheint es fast, als würden Millionen Menschen denselben Traum verfolgen.
Doch was passiert, wenn wir einfach woanders hingehen? Was, wenn Schönheit nicht dort entsteht, wo die meisten Menschen hinfahren, sondern dort, wo wir etwas Unerwartetes entdecken?
Taiwan hat mir gezeigt, dass viele unserer Sehnsuchtsorte austauschbarer sind, als wir glauben. Nicht, weil sie nicht schön wären. Sondern weil die Sehnsucht oft weniger dem Ort selbst gilt als der Vorstellung, die wir mit ihm verbinden. Als alleinreisende Frau überraschte mich Taiwan jedoch nicht nur mit seiner Natur, dem Essen oder den Kirschblüten. Es war auch eines der wenigen Länder, in denen ich mich zu jeder Tageszeit vollkommen sicher fühlte. Diese Freiheit veränderte die Art, wie ich das Land erlebte.
Ich hätte die Kirschblüten in Kyoto sehen können und entschied mich stattdessen für eine Reise nach Taiwan, wo ich von ihnen überrascht wurde. Und heute erinnere ich mich weniger an die Blüten selbst als an das Gefühl, einen besonderen Moment nicht mit tausenden anderen Menschen teilen zu müssen.
Vielleicht ist das die eigentliche Lektion dieser Reise. Nicht jeder im Internet uns vorgelebte Hype muss auch unser eigener sein. Kein Reiseziel sollte an eine bestimmte Jahreszeit oder ein bestimmtes Ereignis gekoppelt sein. Und manchmal liegen die schönsten Erfahrungen genau dort, wo gerade niemand hinschaut.
Die Kirschblütensaison in Taiwan beginnt je nach Region bereits Anfang Februar und dauert in höheren Lagen häufig bis Mitte oder Ende März. Die Blüte wandert dabei von Nordtaiwan in die Bergregionen und Richtung Süden.
Zu den bekanntesten Orten für die Kirschblüte in Taiwan zählen der Wuji Tianyuan Temple bei Taipeh, der Yangmingshan-Nationalpark, die Wuling Farm, der Alishan National Scenic Area und der Sun Moon Lake.
Ja. Taiwan bietet ebenfalls beeindruckende Kirschblütenlandschaften, ist oft günstiger als Japan und deutlich weniger überlaufen. Wer die Kirschblüte ohne große Menschenmassen erleben möchte, findet in Taiwan eine spannende Alternative.
Taiwan gilt als eines der sichersten Reiseziele Asiens. Viele Alleinreisende berichten von einem hohen Sicherheitsgefühl, auch bei Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder Spaziergängen am Abend.
Das Land verfügt über ein hervorragend ausgebautes Verkehrsnetz mit Hochgeschwindigkeitszügen, Regionalbahnen, Bussen und einer modernen Metro in den größeren Städten.
Nein. Mit Englisch kommt man in touristischen Regionen meist gut zurecht. Übersetzungs-Apps und die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung erleichtern die Reise zusätzlich.
Während Japan die Sakura seit Jahren erfolgreich als touristisches Aushängeschild vermarktet, steht Taiwan international weniger im Fokus. Dadurch bleibt die Insel für viele Reisende ein Geheimtipp, und genau das macht ihren besonderen Reiz aus.