Allein zu reisen ist längst kein Randphänomen mehr, sondern eine bewusste Entscheidung. Flüge, Hostels und Routen lassen sich heute mühelos in Eigenregie organisieren. Herausfordernder hingegen ist es, sich selbst mitzunehmen – und die Stille zu ertragen. Denn wer allein reist, verzichtet nicht nur auf Begleitung, sondern auch auf Ablenkung. Plötzlich gibt es niemanden mehr, der über das Restaurant entscheidet, Begegnungen kommentiert oder schöne Momente teilt. Dieser Essay handelt vom Alleinreisen als Erfahrung zwischen Einsamsein und Selbstbestimmung und von der Frage, was passiert, wenn unterwegs nur noch eine Person Verantwortung trägt: man selbst.


Wie ich zum ersten Mal allein ins Flugzeug stieg

Als Studentin hatte ich zweimal im Jahr längere Semesterferien und überraschend viel Zeit. Meine Freunde nutzten sie zum Lernen für anstehende Klausuren oder hatten schlicht kein Interesse, zu verreisen. Also entstand eines Tages ein Gedanke, der zunächst unspektakulär wirkte: allein nach Málaga reisen. Spanische Inseln waren mir zwar bereits vertraut, das Festland dagegen kaum.

Allein zu sein war für mich als Einzelkind noch nie ein Problem gewesen. Allein zu reisen schon eher. Denn plötzlich gab es niemand, der mit mir Sonnencreme einkaufen ging. Niemand, der mit mir am Morgen des Abflugs voller Vorfreude durch den Duty-Free stöberte. Niemand, der mit mir auf den unbequemen Metallstühlen am Gate wartete, bis das Flughafenpersonal das Boarding ankündigte. All diese Momente hatte ich für mich selbst und konnte sie nicht so teilen wie sonst.

Die Anreise nach Málaga verlief problemlos und vier Tage lang gehörte mir eine Stadt, die genug zu bieten hatte. Trotzdem fiel es mir schon nach kurzer Zeit schwer, mich dauerhaft zu beschäftigen. Ein Buch wurde zum Begleiter. Weniger aus Leselust als aus dem Bedürfnis, stilles Hinterfragen zu überdecken: Warum wollte ich das überhaupt? Und warum fühlte es sich plötzlich so langweilig an, allein zu sein?

Warum selbst Metropolen einsam wirken können, wenn man allein reist

Ein halbes Jahr später reiste ich für ein Auslandssemester nach Hawaii und legte einen Zwischenstopp in New York und Los Angeles ein. Beide Städte kannte ich bereits. Ich wusste also, an welchen Orten ich mich aufhalten wollte, was ich sehen wollte und was ich mir sparen konnte. Doch diesmal kam es anders als geplant: Ich erkältete mich schwer und verbrachte einen Großteil der Zeit in meiner Unterkunft – mit dem Ziel, wenigstens fit in Hawaii anzukommen. In den darauffolgenden Jahren reiste ich nicht mehr allein, sondern mit meinem Partner oder Freundinnen, aber immer in vertrauter Gesellschaft. In meinem Kopf setzte sich ein Satz fest: Allein reisen macht mir keinen Spaß. Das werde ich nicht noch einmal machen.

Dennoch schwirrte mir eine Frage unausgesprochen im Kopf umher: Warum funktionierte für mich das Alleinsein zu Hause wunderbar und unterwegs nicht?


Unerwartete Trennung: der Moment, in dem ich fast nach Hause flog

Meinem Partner und mir stand eine sechsmonatige Asienreise bevor, doch bereits nach drei Monaten folgte Trennung. Plötzlich war da nicht nur ein Reiseplan, sondern ein Lebensentwurf, der nicht mehr passte. Die Versuchung, nach Hause zu fliegen, war groß. Die Trennung im gewohnten Umfeld zu verarbeiten, statt allein und einsam in Taiwan zu sitzen. Nach vielen Telefonaten mit meinen Freundinnen, noch mehr Grübeln und schlaflosen Nächten entschied ich mich dennoch für die Weiterreise. Und was soll ich sagen? Ich hätte den Schicksalsschlag nicht besser verarbeiten können.

Allein reisen heißt nicht allein sein: Eine Erkenntnis aus Taiwan

Taiwan erwies sich als Zäsur. Es war mein erstes ostasiatisches Land und Englisch kaum verbreitet. Speisekarten in Mandarin oder Hokkien, die Übersetzungsfunktion des Handys bestenfalls unzuverlässig und als Vegetarier eine zusätzliche Herausforderung. Doch gerade diese Fremdheit verdrängte die anfängliche Unsicherheit schnell. Mit jedem Tag wuchs die Neugier auf ein Land, über das ich zuvor nur wenig wusste.

Es dauerte nicht lange, bis ich andere Alleinreisende kennenlernte. Begegnungen entstanden beiläufig: im Hostel, bei Ausflügen, beim Essen. Zum ersten Mal wurde mir klar, was mir beim Alleinreisen gefehlt hatte: nicht Gesellschaft, sondern Offenheit für neue Kontakte.

Allein zu reisen und andere Menschen kennenzulernen, mag widersprüchlich klingen. Für mich schloss sich beides jedoch nicht aus. Meine Route stand fest und Spontaneität hatte klare Grenzen. Wer mir begegnete, begegnete mir auf Zeit, denn ich reiste meist alle zwei bis drei Tage an den nächsten Ort. Unangenehmen Begegnungen rasch entfliehen zu können, gab mir immer Sicherheit. Für andere scheint das selbstverständlich, für mich war es Lernprozess. Aber, um ehrlich zu sein: Ich hatte keinerlei negative Begegnungen auf meinen Reisen. Gewonnen habe ich dafür viele neue Perspektiven, Gespräche und Erkenntnisse. Mein Mut wurde belohnt.


Ohne Plan B unterwegs: Was Alleinreisen wirklich verlangt

Allein zu reisen ist herausfordernd. Entscheidungen müssen allein getroffen, Planungen selbst getragen, schlechte Tage ohne Unterstützung von anderen ausgehalten werden. Aber auch daran gewöhnt man sich. Was geblieben ist, ist ein Gefühl, das alle Orte überdauert: Freiheit.

Nie habe ich mich so selbstverantwortlich gefühlt wie auf Reisen. Aufstehen, wann ich möchte, weiterziehen, wenn mich ein Ort langweilte, oder bleiben, wenn es mir besonders gut gefiel. Essen gehen, ohne sich mit anderen abzustimmen. Ziele ansteuern, die sonst niemanden interessiert hätten. Seit dieser Erfahrung habe ich mir vorgenommen, mindestens einmal im Jahr allein zu verreisen. In diesem Jahr stehen sieben Tage im Baltikum an. Eine Region, die ich noch nicht kenne. In einer Stadt habe ich bewusst ein Partyhostel gebucht, obwohl ich kein typischer Partymensch bin. Vielleicht, um mir selbst erneut zu zeigen, dass Alleinsein nicht Ausschluss bedeutet. Und auch, um persönlich über mich hinaus zu wachsen, um mir selbst erneut zu zeigen, dass ich allein reisen kann und mich neuen Herausforderungen stellen kann.


Was vom Reisen allein bleibt, wenn man wieder zu Hause ist

Allein zu reisen heißt nicht, sich von anderen Menschen abzuwenden. Ich denke, es heißt, sich in allen möglichen Situationen selbst zu begegnen, statt auszuweichen. Entscheidungen zu treffen, Zweifel auszuhalten, Bedürfnisse ernstzunehmen und für sich einzustehen.

Die daraus entstehende Freiheit fühlt sich unabhängig und fordernd an, oftmals aber auch erhellend. Vielleicht liegt genau darin der eigentliche Wert des Alleinreisens: nicht im Unterwegssein, sondern in der Erkenntnis, sich selbst eine Zeit lang genügen zu können und niemand anderen für sein eigenes Glück zu brauchen.

Dieser Essay wurde von Celine Becker geschrieben – ohne KI-Unterstützung.

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