Endometriose, eine chronische Erkrankung der Gebärmutter, zwingt Millionen von Frauen täglich in die Knie. Chronische Schmerzen und Arbeitsausfälle sind oft die Regel, nicht die Ausnahme. Die Krankheit ist zwar unheilbar, aber es gibt Wege, den Berufsalltag von Betroffenen erträglicher zu machen.


Es ist 3:14 Uhr, als Maya Rilke zum dritten Mal in dieser Nacht auf die Uhr schaut. Die Unterleibschmerzen haben sie wie so oft aus dem Schlaf gerissen. Jeder Krampf fühlt sich wie ein Messerstich an. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Um 6:30 Uhr klingelt der Wecker. Ihre Augen brennen vor Müdigkeit, geschlafen hat sie seit Stunden nicht mehr. Im Zug fühlt sie sich angespannt, als sie an die bevorstehenden acht Stunden im Großraumbüro denkt.

Im Büro angekommen, setzt der nächste Krampfanfall ein. Maya Rilke keucht leise, versucht, sich nichts anmerken zu lassen. Ihr Atem wird flach, die Schmerzen ziehen von ihrem Unterleib bis in den unteren Rücken und die Oberschenkel. Auf der Toilette schluckt sie zwei Ibuprofen-Tabletten. Dann schließt sie ein Gerät an ihrem Unterbauch an, das hilft, die Krämpfe zu lindern. Sie wartet kurz, bis die Schmerzen nachlassen. Auf dem Weg zurück an den Schreibtisch werfen ihr einige Kollegen misstrauische Blicke zu. Niemand weiß, dass das Sitzen auf ihrem Bürostuhl einer Tortur gleicht. Endlich, nach all den Hürden des Morgens, beginnt sie mit ihrer Arbeit. Der Tag hat gerade erst begonnen, aber eins weiß sie: Die Schmerzen werden bald wiederkommen.

Endometriose betrifft Schätzungen zufolge 8 bis 15 Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter. In Deutschland entspricht das etwa zwei Millionen Betroffenen.

Rilke leidet an Endometriose, eine Krankheit, bei der gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter wächst. Diese Gewebeherde verursachen Entzündungen und vor allem Schmerzen – oft so stark, dass sie den Alltag beeinträchtigen. So wie Maya Rilke geht es auch vielen anderen Frauen. Doch laut einer Studie des Zentralinstituts aus dem Jahr 2022 haben nur 340.000 Frauen eine offizielle Diagnose erhalten. Im Durchschnitt vergehen sieben bis zehn Jahre, bis Endometriose erkannt wird. Zwar leidet nicht jeder unter täglichen Schmerzen, doch die Krankheit ist unheilbar. Ohne Behandlung verschlimmern sich die Symptome im Laufe der Zeit.


Endometriose ist nicht nur eine medizinische, sondern auch eine gesellschaftliche Herausforderung. Sie stellt Betroffene vor Hürden im Alltag und Berufsleben. Katharina Wittek, Expertin für Endometriose, erklärt: „Eine Diagnose dauert häufig sehr lange, weil die Krankheit immer noch zu wenig Aufmerksamkeit erhält. Ein Problem ist, dass Ärzte nicht ausreichend dafür entlohnt werden, sich die Zeit für eine ausführliche Anamnese zu nehmen. Zudem fehlt es häufig an Expertise, Endometriose im Ultraschall zu erkennen.“

Für Maya Rilke beginnt die Bewältigung ihrer Schmerzen bereits vor der Arbeit. „Ich versuche mich antientzündlich zu ernähren, also größtenteils auf tierische Produkte, Gluten, Kaffee und Alkohol zu verzichten“, erzählt sie. „Das hilft mir, aber es ist keine Lösung für alles. Wenn die Schmerzen zu stark werden, muss ich zu Schmerzmitteln greifen.“ Neben Schmerzmitteln setzt Rilke auf ein TENS-Gerät, das elektrische Impulse aussendet und die Krämpfe erträglicher macht.

„Ein Gynäkologe allein kann die Schmerzen nicht behandeln. Es braucht ein interdisziplinäres Team.“ – Katharina Wittek, Endometriose-Expertin

Doch nicht alle Betroffenen können die Krankheit mit dieser Maßnahme bewältigen. Wittek betont: „Es gibt zwar medikamentöse Ansätze und chirurgische Eingriffe, aber auch Schmerztherapeuten, Physiotherapeuten und Psychologen sind wichtig. So kann die Lebensqualität der Betroffenen in allen Lebensbereichen verbessert werden.“ Eine Operation ist für viele Patientinnen unvermeidlich. Auch Rilke steht vor dieser Entscheidung: „Ich habe bereits vor Jahren einen OP-Termin ausgemacht. Mir wurde dann doch davon abgeraten, weil ich in meinen jungen Jahren noch abwarten sollte. Jetzt habe ich mich für die Operation entschieden, weil es einfach nicht mehr geht.“


Maya Rilke erzählt auch, dass sie ihren Kollegen nichts von ihrer Erkrankung erzählt hat. „Ich möchte nicht, dass man mich für schwach hält oder als die Kranke abstempelt. Im Büro versuche ich, mir nichts anmerken zu lassen. Aber manchmal geht das nicht. Die Krämpfe sind mittlerweile oft unerträglich.“ Die Endometrioseexpertin bestätigt, wie schwer der Berufsalltag für viele Betroffene ist: „Die Schmerzen können so überwältigend sein, dass es schwerfällt, morgens aus dem Bett zu kommen und den Arbeitstag zu bewältigen. Ganz egal, ob es sich um einen Bürojob oder eine körperlich anstrengende Tätigkeit handelt.“

Doch nicht nur in der Arbeitswelt, sondern auch gesellschaftlich fehlt es oft an Verständnis. „Meine Freunde und mein Partner haben vollstes Verständnis, aber meine Familie nimmt die Krankheit nicht ernst“, sagt Rilke. „Da kommen dann Kommentare wie ‚Stell dich nicht so an’. Das tut weh, aber ich habe gelernt, damit umzugehen.“ Auch in der Gesellschaft besteht laut der Expertin noch Nachholbedarf: „Endometriose wird oft als ‚Regelschmerzen’ verharmlost. Dabei handelt es sich um eine ernstzunehmende Erkrankung, die nicht nur körperliche, sondern auch emotionale und berufliche Auswirkungen hat.“

„Endometriose wird oft als ‚Regelschmerzen’ verharmlost. Dabei handelt es sich um eine ernstzunehmende Erkrankung.“

Sie verweist darauf, dass es erste Fortschritte in der Forschung gibt, aber noch viel zu tun ist: „Im letzten Jahr wurden fünf Projekte zur Erforschung der Ursachen und besseren Behandlung gestartet. Noch immer fehlt es aber an finanzieller Unterstützung und einer stärkeren Aufmerksamkeit der Gesellschaft.“ In den vergangenen 20 Jahren wurden hierzulande nur 500.000 Euro pro Jahr für die Forschung bereitgestellt. Erst vor zwei Jahren stieg der Betrag auf fünf Millionen Euro an.

Trotz aller Herausforderungen blickt Rilke optimistisch in die Zukunft. „Ich hoffe, dass die Operation mir das Leben erleichtern wird. Ich möchte endlich einen Alltag haben, in dem ich mich nicht ständig von den Schmerzen abhängig machen muss.“ Katharina Wittek fügt abschließend hinzu: „Endometriose ist eine individuelle Erkrankung und jede Betroffene muss ihren Weg finden, damit umzugehen. Doch mit der richtigen Unterstützung des Arbeitgebers kann auch der Berufsalltag angenehmer werden.“

Maya Rilke bleibt zuversichtlich, dass ihr die Operation eines Tages zu mehr Leichtigkeit im Berufsalltag verhelfen wird. Bis dahin kämpft sie weiter für ein Leben, das nicht von Schmerzen bestimmt wird.


Häufig gestellte Fragen zu Endometriose

Was ist Endometriose und warum verursacht die Erkrankung oft so starke Schmerzen?+

Endometriose ist eine chronische Erkrankung, bei der gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter wächst. Das führt zu Entzündungen und oft zu Schmerzen, die weit über gewöhnliche Regelschmerzen hinausgehen. Die Beschwerden können den Unterleib, den unteren Rücken und die Oberschenkel betreffen und so stark werden, dass Schlaf, Arbeitsweg und Bürotätigkeit massiv eingeschränkt sind. Der Text zeigt Endometriose deshalb nicht als Randproblem, sondern als ernsthafte Erkrankung mit konkreten Folgen für den Alltag.

Wie viele Frauen sind von Endometriose betroffen und warum wird die Krankheit trotzdem oft spät erkannt?+

Endometriose betrifft schätzungsweise 8 bis 15 Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter. Für Deutschland sind das rund zwei Millionen Betroffene, aber nur etwa 340.000 offiziell diagnostizierte Fälle. Als Gründe nennt der Artikel vor allem mangelnde Aufmerksamkeit, zu wenig Zeit für gründliche Anamnesen und fehlende Expertise, Endometriose per Ultraschall sicher zu erkennen.

Wie lange dauert es im Durchschnitt, bis Endometriose diagnostiziert wird?+

Die Diagnose von Endometriose dauert im Durchschnitt sieben bis zehn Jahre. Für Betroffene bedeutet das oft jahrelange Schmerzen, Unsicherheit und Fehlinterpretationen, bevor die Erkrankung überhaupt benannt wird. Diese lange Zeitspanne ist laut der zitierten Expertin kein Zufall, sondern Folge struktureller Probleme: zu wenig Aufmerksamkeit für die Krankheit, unzureichende Vergütung ausführlicher Gespräche in der Praxis und fehlende Erfahrung bei der Erkennung der typischen Hinweise im Ultraschall.

Welche Folgen kann Endometriose für den Berufsalltag haben?+

Endometriose kann den Berufsalltag so stark belasten, dass schon der Weg zur Arbeit und ein normaler Bürotag zur körperlichen und psychischen Herausforderung werden. Im Artikel zeigt sich das an Schlafmangel, akuten Krämpfen, Schmerzmittelgebrauch, Toilettenpausen zur Linderung und der Angst, im Kollegenkreis aufzufallen. Die zitierte Expertin betont, dass diese Belastung nicht nur Bürojobs betrifft, sondern ebenso körperlich anstrengende Tätigkeiten.

Welche Maßnahmen helfen Betroffenen im Alltag gegen Endometriose-Beschwerden?+

Einzelne Maßnahmen können die Beschwerden lindern, aber sie lösen die Erkrankung nicht vollständig. Die Protagonistin beschreibt eine antientzündliche Ernährung mit Verzicht auf tierische Produkte, Gluten, Kaffee und Alkohol, außerdem Schmerzmittel und ein TENS-Gerät gegen Krämpfe. Gleichzeitig wird klar eingeordnet, dass solche Maßnahmen individuell wirken und bei starken Verläufen allein nicht ausreichen.

Reicht ein Besuch beim Gynäkologen aus, um Endometriose-Schmerzen wirksam zu behandeln?+

Nein, laut dem Artikel reicht ein Gynäkologe allein für die Behandlung der Schmerzen oft nicht aus. Die zitierte Expertin fordert ein interdisziplinäres Team aus mehreren Fachrichtungen. Neben medikamentösen Ansätzen und Operationen nennt sie ausdrücklich Schmerztherapeuten, Physiotherapeuten und Psychologen. Eine wirksame Unterstützung muss mehrere Ebenen gleichzeitig berücksichtigen: Schmerzen, Beweglichkeit, Belastung im Alltag und psychische Folgen.

Warum sprechen viele Betroffene am Arbeitsplatz oder in der Familie nicht offen über Endometriose?+

Viele Betroffene sprechen nicht offen über Endometriose, weil sie nicht als schwach, krank oder überempfindlich wahrgenommen werden wollen. Die Protagonistin verschweigt ihre Erkrankung im Büro aus Angst vor Stigmatisierung und beschreibt auch in der Familie mangelndes Verständnis. Endometriose wird verharmlost und als normale Regelschmerzen abgetan. Gerade diese Reaktion erschwert offene Gespräche und kann dazu führen, dass Betroffene ihre Schmerzen verbergen, obwohl sie ihren Alltag massiv einschränken.

Welche gesellschaftlichen und politischen Probleme benennt der Artikel beim Thema Endometriose?+

Der Artikel beschreibt Endometriose nicht nur als individuelles Gesundheitsproblem, sondern auch als gesellschaftliche und politische Aufgabe. Im Mittelpunkt stehen zu wenig öffentliche Aufmerksamkeit, eine verbreitete Verharmlosung als bloße Regelschmerzen und eine lange unzureichende Forschungsförderung. Konkret nennt der Text für Deutschland über viele Jahre nur 500.000 Euro jährlich für die Forschung; erst vor zwei Jahren stieg der Betrag auf fünf Millionen Euro.

Welche Rolle kann der Arbeitgeber für Menschen mit Endometriose spielen?+

Der Arbeitgeber kann dazu beitragen, dass der Berufsalltag für Menschen mit Endometriose erträglicher wird. Die Expertin formuliert das nicht als pauschale Lösung, sondern als Teil individueller Unterstützung. Das bedeutet vor allem: Die Krankheit ernst nehmen, Beschwerden nicht bagatellisieren und anerkennen, dass Schmerzen, Schlafmangel und Erschöpfung die Arbeitsfähigkeit beeinflussen können. Verständnis und passende Unterstützung im Job sind keine Nebensache, sondern können für Betroffene einen spürbaren Unterschied im Alltag machen.

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