Essay  ·  Reisen & Beobachtungen

Alleine reisen als introvertierter Mensch – Flucht oder Segen?

Celine Becker  ·  2026

Meine erste Soloreise trat ich im Februar 2019 an. In meinen Wintersemesterferien buchte ich mir einen Flug nach Málaga, denn er war günstig und ich wollte dem deutschen Winter etwas entkommen. Da niemand Zeit hatte mitzukommen und ich als Einzelkind ohnehin kein Problem damit hatte, Zeit allein zu verbringen, erschien mir die Reise gut machbar. Besonders in meinem liebsten Land der Welt, in dem ich mich sehr wohl fühlte und dessen Sprache ich auch etwas sprechen konnte.

Seitdem ist eine Menge passiert und ich habe die unterschiedlichsten Orte der Welt allein bereist. Mal mehr, mal weniger freiwillig auf eigene Faust. Ich traf die verschiedensten Menschen, von sehr herzerwärmenden, offenen Personen bis hin zu komischen, von denen ich lernte, mich schnell abzukapseln und fernzuhalten, wenn ich mich in ihrer Anwesenheit unwohl fühlte.

Aber eine Sache zog sich wie ein roter Faden durch all diese Reisen: Ich bin eine introvertierte Person und deshalb fällt es mir schwer, fremde Menschen anzusprechen. Es ist nicht so, dass ich Angst vor Ablehnung hätte. Vielmehr muss ich mich dazu erst einmal überwinden. Ich bin Fremden gegenüber eher schüchtern und mache mir vielleicht das eine oder andere Mal viel zu viele Gedanken darüber, wie ich am besten ins Gespräch komme oder wie ich mich verhalten soll.

Dabei bedeutet introvertiert zu sein nicht automatisch, schüchtern oder unsozial zu sein. Der Unterschied liegt darin, wie wir soziale Situationen erleben und woher wir unsere Energie ziehen. Während extrovertierte Menschen den Austausch mit anderen häufig als belebend empfinden, können zu viele soziale Kontakte für Introvertierte irgendwann anstrengend werden, selbst dann, wenn sie die Gesellschaft genießen.

Gleichzeitig habe ich kein Problem damit, mal ein paar Tage nur für mich zu sein und ausschließlich meine eigene Anwesenheit zu genießen. Aber nach spätestens einer Woche sehne auch ich mich nach sozialen Kontakten und Austausch mit meinen Mitmenschen.

Vielleicht liegt genau darin einer der Widersprüche des Alleinreisens für Introvertierte: Ich brauche Zeit für mich, um meine Energie wieder aufzuladen, möchte aber genauso wenig wochenlang nur mit mir selbst unterwegs sein.

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Wenn Alleinsein in Einsamsein kippt

Allein zu sein und einsam zu sein sind zwei grundverschiedene Dinge. Solange ich mich bewusst dafür entscheide, einen Tag allein zu verbringen, kann ich diese Ruhe sehr genießen. Niemand möchte etwas von mir, niemand bestimmt meinen Tagesablauf und ich kann spontan entscheiden, was ich heute sehen und erleben möchte. Schwieriger wird es, wenn aus dem freiwilligen Alleinsein irgendwann das Gefühl entsteht, jemanden um sich haben zu wollen.

Ist es also ein Segen, jederzeit allein sein und sich bewusst dafür entscheiden zu können? Oder brauchen Introvertierte nicht auch soziale Kontakte – nur dass es ihnen möglicherweise schwerer fällt, das selbst in die Hand zu nehmen?

Wenn man mal länger darüber nachdenkt, könnte man fast meinen, dass introvertiert zu sein schnell auch etwas Negatives sein kann. Ja, ich habe die Entscheidungsgewalt, mich bewusst zu sozialisieren, aber mich in so eine Situation zu manövrieren, bedeutet für mich auch immer eine riesige Überwindung.

Überwiegt der Wunsch nach Kontakten oder doch eher die Schüchternheit und schlussendlich bleibt man allein?

Interessanterweise habe ich auf meinen Reisen aber auch gemerkt, dass ich gar nicht unbedingt viele Menschen um mich herum brauche. Manchmal reicht ein langes Gespräch mit einer einzigen Person, während mir ein ganzer Abend mit einer großen Menschengruppe in meinem Hostel häufig Energie raubt. Geht es möglicherweise weniger darum, wie viele soziale Kontakte man unterwegs knüpft, sondern welche und ob man aus diesen Bekanntschaften Energie und Inspiration zieht?

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Die Freiheit, alles selbst entscheiden zu dürfen

Dazu kommt noch etwas anderes, das ich am Alleinreisen lange vor allem als Vorteil wahrgenommen habe. Niemand entscheidet für mich.

Ich kann morgens aufstehen, wann ich möchte. Ich kann meinen Plan über den Haufen werfen, drei Stunden in einem Café sitzen oder spontan noch einen Tag länger bleiben als geplant. Niemand muss überzeugt werden und niemand ist genervt, wenn ich meine Meinung ändere. Aber diese Freiheit hat auch eine andere Seite.

Irgendwann bin ich müde, ständig jede noch so kleine Entscheidung für mich selbst treffen zu müssen. Wo esse ich heute? Was mache ich morgen? Welchen Bus nehme ich? Bleibe ich noch einen Tag oder fahre ich weiter? Habe ich überhaupt Lust, heute noch etwas zu unternehmen?

Freiheit fühlt sich großartig an, solange man sie genießen kann. Wenn es einem schlecht geht, bedeutet dieselbe Freiheit plötzlich, jede Entscheidung selbst tragen zu müssen. Niemand sagt zu dir: „Komm, heute machen wir einfach mal gar nichts.“ Gerade dann hänge ich mich gerne auch mal an Gruppenaktivitäten dran, die mir zusagen. Oder probiere etwas Neues aus, da ich ohnehin sehr neugierig bin. Für ein paar Stunden muss ich dann nicht alles selbst planen und entscheiden.

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Muss Soloreisen extrovertierter machen?

Oft heißt es, dass man beim Alleinreisen automatisch lernt, offener zu werden. Vielleicht stimmt das ein Stück weit. Ich habe über die Jahre definitiv gelernt, leichter mit fremden Menschen ins Gespräch zu kommen. Aber ich glaube nicht, dass mich das Reisen zu einem extrovertierteren Menschen gemacht hat.

Genauer gesagt habe ich gelernt, Situationen zu schaffen, in denen ich nicht unbedingt diejenige sein muss, die auf jemanden zugeht. In einem Hostel ergibt sich ein Gespräch oft von selbst. Auf einem Gruppenausflug sitzt man ohnehin mehrere Stunden miteinander im Bus oder Boot. Manchmal kommt man einfach mit dem Guide ins Gespräch und lernt dabei gleich noch etwas über das Land und die Menschen, die dort leben.

Vielleicht habe ich weniger gelernt, extrovertierter zu sein, als vielmehr, besser damit umzugehen, introvertiert zu sein. Auf meinen Reisen fahre ich inzwischen einen guten Mittelweg zwischen Hostels und Einzelunterkünften, wenn ich länger unterwegs bin. So schaffe ich Ruhezonen und -zeiten, in denen ich bewusst nur mit mir selbst bin und meine Energie tanke. Wenn mir irgendwann nach Gesellschaft ist, suche ich mir wieder einen Ort, an dem Begegnungen leichter entstehen.

Vielleicht besteht die Freiheit des Alleinreisens für mich deshalb gar nicht darin, allein zu sein. Vielleicht bedeutet es nur, selbst entscheiden zu können, wann ich es sein möchte und wann nicht.

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