Essay  ·  Reisen als Flucht

Wollen wir wirklich die Welt bereisen oder ihr entkommen?

Celine Becker  ·  2026

Es gibt Momente, in denen die Realität genau dem Traum entspricht und man trotzdem unglücklich ist. Für mich kam dieser Moment in einem Hostel in Indonesien. Vor dem Fenster rauschten Palmen, auf meinem Handy suchte ich nach Flügen ins nächste Land. Alles sah nach Freiheit aus. Doch zwischen den geöffneten Tabs und den Reisplänen tauchte eine Frage auf, die ich bis dahin erfolgreich verdrängt hatte: Was, wenn ich gar nicht mehr unterwegs sein möchte?

Sechs Monate Weltreise nach dem Studium und ein leiser Zweifel

Meine letzte längere Reise ist nun schon etwas mehr als zweieinhalb Jahre her. Damals hatte ich gerade meine Masterarbeit beendet und stand zwischen Studium und Berufsleben. Viel zu früh, dachte ich mir. Wer hat denn schon mit 25 Lust, für die nächsten 42 Jahre durchgehend zu arbeiten? Wieso nicht um die Welt reisen, solange ich für nichts außer mich selbst verantwortlich bin? Ich wusste ohnehin noch nicht, welchen Job ich einmal machen möchte. Nur eins stand fest: Ein Job in einem Pharmaunternehmen, wo ich zuletzt zehn endlose Monate an meiner Thesis gearbeitet hatte, kam für mich niemals infrage.

Die Reise sollte mir helfen, meine Wünsche und Ziele klarer zu sehen, vor allem aber mich selbst. Woche für Woche lernte ich neue Seiten an mir kennen und damit auch Dinge, die ich mag, und andere, die ich nicht mag. Reiseplanung, Schreiben, neue Erfahrungen sammeln, die Kultur vor Ort erleben, mit Einheimischen sprechen: All das bereitete mir Freude. Bis ich eines Tages davon übersättigt war.

Wenn Reisen zur Übersättigung wird

Trotzdem reiste ich noch drei Monate weiter, obwohl ich schon längst einen Punkt hätte setzen können. Damals war mir noch nicht bewusst, warum ich nicht aufhörte. Ich dachte, ich müsste immer den nächsten Ort entdecken, die nächste Kultur. Ich dachte auch, mir renne die Zeit in meinen jungen Jahren davon. Und wann würde ich jemals wieder die Freiheit haben, so lange am Stück zu reisen? Ich sollte das doch zu schätzen wissen, redete ich mir immer wieder ein.

Damit hatte ich recht. Aber warum konnte ich nicht einfach aufhören, obwohl mich das dauernde Ortewechseln zunehmend erschöpfte? Als ich begann, mich damit auseinanderzusetzen, für welche Jobs ich mich bewerben wollte, fiel mir eine unangenehme Frage auf: Was, wenn ich gar nicht wirklich um die Welt reisen wollte, sondern einfach nur vor meinem künftigen Alltag floh?

Reisen als Flucht: eine Erkenntnis, die weh tut

Es machte mir Angst, mich zu fragen, was ich jetzt nach meinem Studium anfangen sollte. Mein Weg war immer weniger klar und ambitioniert, als er bei anderen zu sein schien. Ich hatte etwas studiert, das mich brennend interessierte. Mit meinen beruflichen und ethischen Vorstellungen ließ es sich trotzdem nicht vereinbaren. Die Welt da draußen ist riesig, und es gibt so viel zu entdecken. Das reizt mich bis heute.

Gleichzeitig wäre es unfair, die Reise nur als Flucht zu bezeichnen. Ich habe unterwegs Menschen getroffen, von denen ich viel über das Leben gelernt habe. Ich habe Kulturen erlebt, die meinen Blick auf die Welt verändert haben. All das war echt. Und trotzdem hatte ich das Gefühl, dass sich darunter noch etwas anderes verbarg.

Auf der Suche oder auf der Flucht: was Reisende wirklich antreibt

Rückblickend fällt mir auf, dass ich unterwegs kaum jemanden traf, der einfach nur reisen wollte. Ich traf eine Deutsche, die nach ihrem Studium, ähnlich wie ich, nicht weiterwusste. Den Engländer, der gerade seinen Schulabschluss gemacht hatte und mit Zug und Bus von England bis nach Usbekistan fuhr. Den Luxemburger, der zwischen Jobkündigung und Auswandern nach Bangkok stand und sich einen Lebenstraum erfüllen wollte.

Fast alle waren auf der Suche nach etwas oder auf der Flucht vor etwas.

Reisen als Selbstfindung: der Mythos mit zwei Seiten

Reisen gilt heute fast automatisch als Weg zur Selbstfindung. Wer nicht weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll, geht reisen. Wer sich neu orientieren möchte, geht reisen. Wer unglücklich ist, geht reisen. Es klingt plausibel, schließlich erweitert Reisen den Horizont.

Aber was, wenn wir dem Reisen manchmal Erwartungen aufladen, die kein Ort der Welt erfüllen kann?

Ich kam von meiner Reise zurück, noch immer ohne Antwort auf die Frage, was ich beruflich machen möchte. Ich kam zurück ohne den Partner, mit dem ich aufgebrochen war, und versuchte, der Konfrontation mit einem Alltag ohne ihn auszuweichen. Ich wollte mich nicht dem Gefühl stellen, allein in einer Wohnung zu leben, die von Anfang an auch seine gewesen war.

Rückblickend glaube ich jedoch, dass ich vor mehr als nur einer beruflichen Entscheidung davongelaufen bin. Ich entzog mich dem Alltag zu Hause und den Fragen, die dort auf mich warteten. Routinen geben mir Stabilität und die Vorhersehbarkeit, die ich brauche. Doch genau diese Verlässlichkeit beginnt mich irgendwann einzuengen. Ich sehne mich nach neuen Eindrücken, nach Bewegung, nach dem Gefühl, dass hinter der nächsten Kurve etwas Unbekanntes wartet. Reisen liefert mir eine Form von Intensität, die kaum etwas anderes erreicht.

Der Widerspruch zwischen Freiheit und Sicherheit

Darin liegt mein Widerspruch: Ich sehne mich zugleich nach Freiheit und Sicherheit, nach Abenteuer und Verlässlichkeit, nach Aufbruch und Ankommen. Ich möchte die Welt entdecken und gleichzeitig einen Ort haben, an den ich zurückkehren kann. Vielleicht besteht das eigentliche Problem deshalb nicht darin, dass wir zu viel reisen. Vielleicht besteht es darin, dass wir von einem einzigen Lebensmodell erwarten, all diese Bedürfnisse gleichzeitig zu erfüllen.

Dennoch sollten wir Langzeitreisenden uns fragen, ob wir tatsächlich aufbrechen, um andere Kulturen kennenzulernen, oder ob wir manchmal vor Konflikten, Entscheidungen und unangenehmen Wahrheiten zu Hause davonlaufen.

Vielleicht ist die spannendere Frage deshalb nicht, wie viel wir in unserem Leben gereist sind, sondern warum wir überhaupt aufgebrochen sind. Manche Reisen führen uns zu anderen Ländern und Menschen, manche zu Erkenntnissen über uns selbst. Und manche beginnen als Abenteuer, obwohl sie in Wahrheit der Versuch sind, einer Entscheidung, einer Angst oder einem Alltag noch ein wenig länger aus dem Weg zu gehen. Die größere Herausforderung liegt daher vielleicht nicht im Aufbrechen, sondern darin, irgendwann wieder anzukommen.

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