Essay · Reisen & Beobachtungen
Auf meiner letzten Reise alleine habe ich gemerkt, dass ich plötzlich mutiger wurde. Ich traf schneller Entscheidungen, interessierte mich immer weniger für das, was andere über mich dachten, und machte einfach mein Ding. Ich fragte Fremde nach dem Weg, nach dem Bus, nach einer Reiseempfehlung oder fragte andere Reisende im Hostel nach einem gemeinsamen Abendessen, ohne vorher je ein Wort mit ihnen gewechselt zu haben.
Zu Hause hingegen würde ich mich niemals trauen, Fremde einfach so auf der Straße anzusprechen. Ich würde immer einen Weg finden, selbst an benötigte Informationen zu gelangen, oder ewig lang etwas googeln, anstatt einfach kurz jemanden zu fragen, der sich vor Ort auskennt. Wieso fällt es uns aber auf Reisen auf einmal so viel leichter, all das zu machen, was wir zu Hause zu vermeiden versuchen?
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Für mich persönlich kostet es zu Hause sehr viel Überwindung, andere Menschen anzusprechen. Das ist nichts, was mir leichtfällt. Komme ich hingegen mit Menschen ins Gespräch, die denselben Vibe ausstrahlen wie ich, bin ich manchmal etwas zu schnell ein offenes Buch. Vielleicht auch aus Unsicherheit, wenn es still wird? Auf Reisen habe ich das gar nicht.
Bei mir beobachte ich häufig, dass ich mit anderen Reisenden schnell eine andere Art von Gesprächen führe. Die erste Frage ist ausnahmslos, woher die andere Person kommt. Nicht selten stammt sie aus demselben Land wie man selbst und man kann sich in der eigenen Landessprache verständigen, was vieles leichter macht. Aber wenn es jemand aus einem anderen Land ist, gibt es ja erst einmal so viele Themen, über die man reden kann.
Am liebsten tausche ich mich über die Unterschiede der jeweiligen Länder aus. Das ist mir auf meiner letzten Reise nach drei Abendessen mit einem Kiwi, einem Dude aus Neuseeland, aufgefallen. „Ist XY bei euch auch so? Oder ist das anders?“ Wir sprachen über Essensgewohnheiten, Pflanzen, Wildtiere, Wetterphänomene, Politik, die Kultur, das Zusammenleben zwischen Maori und Kiwis und so vieles mehr. Ich hatte das Gefühl, richtig in das Land eintauchen zu können, und das machte mich sogar so neugierig, dass ich Neuseeland gerne einmal selbst bereisen möchte.
Hätte ich mich so intensiv mit jemandem aus Deutschland austauschen können? Vermutlich nicht, denn wir kennen die Gegebenheiten dort und sind wahrscheinlich auch damit aufgewachsen. Naja, man kann sicherlich ewig über Politik reden, wenn man einen frustrierenden Abend haben möchte … Da ich aber eine sehr neugierige Person bin und gerne viele und besonders detaillierte Fragen stelle, interessieren mich vor allem Menschen aus anderen Ländern, über die ich nur wenig weiß.
Mit jeder Person, mit der wir uns intensiver austauschen, lernen wir auch etwas fürs Leben dazu. Sei es nur, dass am anderen Ende der Welt gerade eine konservative Partei zunehmend in den Fokus rückt und dass das nicht nur ein europäisches Problem ist.
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Ganz zu Beginn meiner Reisen stand ich immer da und googelte, genau wie zu Hause auch, nach dem Weg. Nach Bus- oder Zugverbindungen, nach dem besten Restaurant der Stadt und so weiter. Inzwischen hat sich das geändert und ich frage einfach schnell eine Person, die mir gerade in dem Moment über den Weg läuft. Das geht – wenn keine Sprachbarriere vorhanden ist – schneller, als ewig auf einem kleinen Bildschirm herumzutippen. Außerdem ist es doch irgendwie auch schön, so mit Einheimischen in Kontakt zu kommen. Vielleicht entsteht daraus ein nettes Gespräch, das sonst nicht entstanden wäre. Falls nicht, hat man sich zumindest Zeit gespart.
Wieso fällt mir das im Ausland nun aber so viel leichter als zu Hause? Vielleicht, weil wir im Ausland mehr darauf angewiesen sind? Weil nicht jede Info im Internet zu finden ist? Weil wir uns weniger Gedanken darüber machen, was andere über uns denken, als im gewohnten „Umfeld“, wo unsere Sprache gesprochen wird? Möglicherweise ist das aber auch nur mein ganz eigenes Phänomen, dass ich im Ausland mutiger bin als zu Hause.
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Unabhängig von meiner persönlichen Erfahrung ist es Fakt, dass uns auf Reisen niemand kennt. Wenn eine Begegnung unangenehm verläuft, sehen wir die Person wahrscheinlich nie wieder. Zu Hause haben Handlungen gefühlt mehr soziale Konsequenzen. Treffen wir auf eine Person in unserer Heimatstadt, ist nicht ausgeschlossen, dass wir ihr noch einmal begegnen. Oder dass sie womöglich Menschen aus unserem näheren Umfeld kennt und dort über uns redet. Oder eines Tages rein zufällig unsere Vorgesetzte oder unser Vorgesetzter im neuen Job wird? Ist es möglich, dass diese „Bedeutungslosigkeit“ auf Reisen uns mutiger macht?
Auch dürfen wir unterwegs eine andere Version unserer selbst sein. Während wir zu Hause feste Rollen innehaben oder gar in welche hineingesteckt werden – die ruhige Arbeitskollegin, die zuhörende Freundin, die fürsorgliche Tochter oder Partnerin –, weiß unterwegs niemand, wie schüchtern, vorsichtig oder angepasst wir normalerweise sind. Wir können uns ein Stück weit neu ausprobieren, uns neu erfinden und uns Dinge trauen, die wir zu Hause normalerweise nicht machen würden.
Wen würde das nicht mutiger oder gar freier machen, wenn er für eine fremde Person noch ein unbeschriebenes Blatt ist und neu anfangen kann? Bleibe ich etwas länger an einem Ort, fühlt es sich für mich manchmal sogar so an, als würde ich beginnen, ein neues Leben aufzubauen. Denn auch auf Reisen kann man gewisse Routinen entwickeln, was schnell das Gefühl eines „neuen Lebens“ aufkommen lässt.
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Keineswegs spreche nur ich Einheimische oder andere Reisende an. Auch umgekehrt werde ich oft angesprochen, und ich kann mir nicht allein die Lorbeeren zuschreiben. Ich habe jedoch beobachtet, dass es mich sehr bestärkt hat, wenn ich Fremde angesprochen und eine nette Antwort erhalten habe. Auch mit einem unbekannten Bus zu fahren und tatsächlich am gewünschten Ziel anzukommen oder allein ein Restaurant zu besuchen, baut Schritt für Schritt Mut auf. Es ist nicht immer nur die soziale Interaktion, die uns Überwindung kostet.
Es sind die vermeintlich „einfachen“ Dinge, die auf Reisen zur Normalität werden. Diese kleinen Erfolgserlebnisse, wenn etwas gut läuft. Oder auch einfach, dass wir eine Reise alleine meistern. Ich denke, oftmals entsteht unterwegs eine Art positive Spirale. Wir erleben ständig, dass Dinge funktionieren, die wir uns vorher komplizierter vorgestellt haben, und das bestärkt uns immer weiter, in allen Bereichen.
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Zurück zu Hause verfallen wir schnell in alte Muster, Routinen und Rollen, die wir uns davor jahrelang antrainiert haben. Vielleicht schrumpft nicht unser Mut, sondern wir fallen wieder in die Version unserer selbst zurück, die wir dort zu sein gewohnt sind. Wäre es nicht vorteilhaft, wenn wir den Mut von unterwegs in den Rucksack packen, mitnehmen und einfach beibehalten würden?
Routinen aufzubrechen oder sich eine neue anzueignen, dauert oft mehrere Monate. Bedeutet das, wir sollten länger reisen, damit wir diese positiven Veränderungen auch mit nach Hause nehmen? Das wäre zumindest eine Möglichkeit, die aber nicht jeder von uns hat. Eine andere Idee wäre, bereits auf Reisen das eigene Verhalten zu hinterfragen, zu reflektieren oder sogar aufzuschreiben, um es zu verinnerlichen. Diese Notizen können wir nämlich mit nach Hause nehmen und jederzeit durchlesen. Uns daran erinnern, wie mutig wir auf Reisen waren, und uns herausfordern, das zu Hause auch zu tun.
Das nächste Mal, wenn wir den Weg wissen wollen, einfach jemanden auf der Straße ansprechen, statt Mr. Google zu fragen. Eine zufällige Person in der Stadt nach einer Restaurantempfehlung fragen oder, wenn es darum geht, Dinge allein zu unternehmen, sich heute ein Solodate vornehmen.
Mehr machen, weniger hinterfragen. Ist das nicht etwas, das jeder von uns öfter tun könnte? Weniger darüber nachdenken, was passieren könnte, und stattdessen einfach ausprobieren? Das Leben ist viel zu kurz, um sich zu fragen, was wäre, wenn. Das Leben lebt von Erfahrungen, sowohl von guten als auch von schlechten. Statt nach dem schlechtestmöglichen Outcome zu fragen, sollten wir uns fragen: Was passiert, wenn alles gut läuft? Wenn alles so geschieht, wie wir es uns vorstellen?
Ich denke, so können wir langfristig unseren Mut ins Gepäck packen und auch mit nach Hause nehmen.
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Ich denke, der Grund, wieso wir unterwegs in vielen Situationen mutiger sind als zu Hause, ist, dass wir einander fremd sind und niemand die Version von uns kennt, die wir zu Hause sind. Das mag zwar ebenfalls für Fremde auf den heimischen Straßen zutreffen, aber wer im Ausland akut nach Hilfe fragt, weil schnell eine Entscheidung getroffen werden muss, springt schneller mal über seinen Schatten. Die Notwendigkeit schlägt in diesem Fall die Schüchternheit.
Aber welche Version von uns ist dann eigentlich die echte – diejenige, die zu Hause lieber 15 Minuten googelt, oder diejenige, die in Vietnam einfach einen Fremden fragt?
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