Essay · Identität
Im August 2026 machte ich zum ersten Mal, seit ich im Berufsleben stehe, wieder eine längere Reise: vier Wochen allein durch Vietnam und Laos. Raus aus einem Alltag zwischen Arbeit, Beziehung, Freunden, Familie, unserem frisch adoptierten Hund und allem anderen, das ich irgendwie unter einen Hut bekommen möchte. Länger als eine Woche Urlaub hatte ich in diesem Jahr noch nicht gemacht. Ich brauchte einen klaren Cut.
Ich wollte wieder Freiheit spüren. In den Tag hineinleben. Für eine Weile keine Verantwortung tragen müssen außer für mich selbst und die Frage, was ich als Nächstes essen würde.
Beim Frühstück in Luang Prabang kam mir dann plötzlich die Idee für den Plot einer Fantasygeschichte. Ausgerechnet Fantasy. Ein Genre, zu dem ich bislang kaum einen Bezug hatte. Warum eigentlich nicht? Vielleicht sollte ich es einfach ausprobieren.
Kurz darauf erschrak ich über meinen eigenen Gedanken: Wer bist du und was hast du mit ihr gemacht? Dabei ging es weniger um Fantasy als um die Frage, warum ich mich auf Reisen manchmal wie eine andere Version meiner selbst fühle. Oder noch viel größer gedacht: Wer bin ich ohne Zuhause?
Was bleibt von mir übrig, wenn Routinen, Beziehungen und vertraute Rollen wegfallen? Wenn niemand weiß, dass ich die verrückte Dog Mum oder die aufmerksame Zuhörerin bin?
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Ein Teil der Antwort zeigt sich schon in meinem Tagesablauf. Auf Reisen bin ich eine abenteuerlustige Person, die jeden Tag am liebsten drei unterschiedliche Aktivitäten machen und jeden zweiten Tag in eine neue Stadt reisen würde, weil sie sich sonst zu schnell langweilt. Zuhause bin ich nicht so aktiv. Ich verbringe meine Zeit am liebsten in oder rund um meine Wohnung: Gärtnern, mit dem Hund trainieren, Sport, Lesen, Schreiben oder Basteln. Oder auch mal in der Sonne mit einem Musikalbum auf den Ohren faulenzen. Im Urlaub meinen Allerwertesten stillhalten und entspannen? Keine Chance!
Während ich zuhause die „Ruhige“ bin, mutiere ich im Urlaub zur „Nichtstillsitzerin“. Und das Interessante daran: Es fällt mir dort überhaupt nicht schwer. Zuhause habe ich selten das Bedürfnis, meine Umgebung zu erkunden, ein neues Restaurant auszuprobieren oder auf ein Stadtfest zu gehen. Vielleicht bin ich dort aber gar nicht weniger abenteuerlustig und bekomme nur weniger Gelegenheit, diese Seite auszuleben. Oder es liegt daran, dass Reisen immer zeitlich begrenzt sind, und genau deshalb möchte ich jede einzelne Minute auskosten. Kann man gleichzeitig die Ruhige und die Abenteuerlustige sein?
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Noch deutlicher wird der Unterschied, wenn ich neue Menschen kennenlerne. Ohne meine festen Rollen wie die der „ruhigen“, „aufmerksamen“ Freundin fühle ich mich, als könnte ich noch einmal neu anfangen. Das geschieht meist unbewusst. Denn während ich zuhause eher die ruhige, zuhörende Person bin, verfalle ich bei neuen Bekanntschaften in einen regelrechten Redefluss. Aus Unsicherheit? Oder weil mir Stille schnell unangenehm wird? Egal, wie man es dreht, ich rede erst mal so viel, dass andere kaum zu Wort kommen. Nebenbei stelle ich mindestens drei Fragen, die die andere Person – und auch ich – am Ende meines Monologs wieder vergessen haben.
Als ich auf der Vietnamreise einen Neuseeländer kennenlernte und dreimal mit ihm zu Abend aß, sprachen wir über Dinge, vor denen wir Angst haben, und über unsere Unsicherheiten. Nun ja, ich erwähnte, dass ich manchmal Angst davor habe, zu ruhig und zu wenig gesprächig zu sein. Er sagte, ich sei das komplette Gegenteil davon, und er verstehe diese Angst nicht. Dabei höre ich in meinem Umfeld sehr häufig, ich sei ein sehr ruhiger Charakter. Ohne Zuhause schaffe ich es also, auch die Gesprächige und Aufgedrehte zu sein. Doch woher weiß ich, welche Version näher an meinem „wahren“ Ich ist? Gibt es diese Version überhaupt? Oder zeigt jede Umgebung lediglich andere Seiten derselben Person?
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Und es bleibt nicht beim Reden. Woanders werde ich wie aus dem Nichts zur Kultur- und Geschichtsinteressierten. In meinem gewohnten Umfeld? Fehlanzeige. Eher das Gegenteil, fast schon eine Kulturbanausin. Ich kann mich nicht erinnern, in Deutschland jemals freiwillig ein Museum besucht zu haben, wenn es nicht zur Schulpflicht gehörte. Unterwegs sieht das anders aus, und zwar auf fast jeder Reise. In Laos ein Museum über traditionelle Kleidung anschauen? Kein Problem, ist ja spannend. Ins Naturkundemuseum in Los Angeles gehen? Klar, schließlich liebe ich Wissenschaft und Natur. Auf eine traditionelle sri-lankische Tanzshow? Mit Vergnügen.
Dabei gibt es sicherlich auch ein spannendes Museum bei mir um die Ecke. „Ich gehe nicht in Museen.“ Bei diesem Gedanken ertappe ich mich immer wieder. Erstaunlich, wie schnell aus einer Gewohnheit eine Identität wird. Aus „Ich gehe selten in Museen“ wird irgendwann „Ich bin nicht der Typ für Museen“. Auf Reisen scheint die Schublade, in die ich mich irgendwann einmal gesteckt habe, zu verschwinden.
Möglicherweise besteht ein großer Teil meiner Identität aus Gewohnheiten, die aus erlernten Glaubenssätzen stammen. Mein Leben lang dachte ich zum Beispiel, ich sei nicht kreativ, und sagte mir das immer wieder selbst. Heute schreibe ich, bastle, probiere neue Rezepte aus und baue Dinge für Wohnung und Garten. Inzwischen weiß ich: Ich bin naturwissenschaftlich-analytisch und kreativ zugleich. Von diesem Glaubenssatz habe ich mich nach zig Jahren gelöst. Von der Rolle der ruhigen Zuhörerin noch nicht. Ich rede sie mir weiterhin ein, obwohl ich längst das Gegenteil gehört habe.
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Vielleicht fühle ich mich deshalb auf Reisen so frei. Frei in meinem Tun, Denken und Sein. Frei von den Erwartungen anderer, manchmal auch von meinen eigenen. Frei in der Frage, wer ich bin. Aber wer weiß das schon wirklich? Für mich liegt die Faszination des Reisens auch ein bisschen darin, für eine Weile zu vergessen, wer wir angeblich sind und was wir zuhause so machen.
Manches nehme ich trotzdem mit nach Hause. Die Idee aus Luang Prabang lässt mich nicht mehr los. Ich feile noch an ihr und an den Details und kann mir vorstellen, bald mit dem Schreiben zu beginnen und mich darin auszuprobieren. Denn die Idee könnte es wert sein, aufs Papier gebracht zu werden. Vielleicht ist die Fantasy-Autorin in mir also gar keine reine Reise-Version von mir.
Ob ein Ortswechsel wirklich Antworten auf die Frage nach der eigenen Identität geben kann, weiß ich nicht. Doch wenn ich eines auf Reisen gelernt habe, dann das: Wir sind an einem anderen Fleck auf dem Planeten genauso wir selbst, wie wir es daheim sind. Wir zeigen nur andere Facetten. Und die Freiheit auf Reisen bedeutet nicht, jemand anderes zu sein, sondern sich zu erlauben, mehr als eine Version von sich selbst zu leben.
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