Essay · Länder zählen
Irgendwo liegt noch ein Zettel herum, längst veraltet, darauf eine Liste meiner bereisten Länder. Spanien, Ägypten, Schottland, you name it. Mit 19, als ich anfing, die Welt zu entdecken, führte ich eine handgeschriebene Liste dieser Länder. Ich konnte sie an zwei Händen abzählen, aber ich war stolz darauf. Es ging weniger um die Erinnerungen als um das Zählen selbst.
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Vielleicht zählen wir Länder aus demselben Grund, aus dem wir Schritte, Kontostände und Geburtstage zählen. Wir messen jeden Erfolg in Zahlen und versuchen, auch Lebensziele quantifizierbar zu machen. Aber was bringt es uns, bereiste Länder zu zählen? Und warum zählen wir nicht bereiste Städte, besuchte Tempel, Gespräche mit Menschen oder bestiegene Vulkane?
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Über die Jahre sammelte ich immer mehr und immer weiter entfernte Orte. Sri Lanka, Costa Rica, Hawaii. Länder, deren Namen sich schneller in die Liste einfügten als in mein Gedächtnis. Nach meiner letzten Langzeitreise standen 48 Länder auf der Liste. Ein Viertel aller von der UN anerkannten Länder. Für meine 25 Jahre eine Menge. Laut einer Hostelworld-Umfrage von 2015 bereist ein durchschnittlicher Deutscher in seinem Leben zwischen acht und zehn Länder. Ich sammelte Länder wie andere Briefmarken und setzte mir das utopische Ziel, alle Länder der Welt zu bereisen. Woher die Idee kam? Natürlich von den Reisebloggern auf Instagram. Ihre Listen waren überall: auf ihren Blogs, in den Bios, unter jedem Reisefoto stand eine Zahl, die schneller wuchs als die Geschichte dahinter. 73 Länder. 127 Länder. 178 von 195 hatte Luca Pferdmenges (@thegermantravelguy) in seiner Bio stehen, als ich ihn vor Jahren entdeckte.
Dabei erweitert nicht jede Reise den Horizont, manchmal nur eine Statistik. So war es bei meinem Achtstundentrip nach Kuwait, der eigentlich drei Tage dauern sollte. Jeder Reiseblogger setzte einen drauf. Reisen wurde extremer, es ging darum, „mehr gesehen zu haben als andere“. Irgendwann fragte ich mich, ob wir Länder nicht deshalb zählen, weil wir gelernt haben, alles zu messen und uns dabei mit anderen zu vergleichen.
Denn Reisen selbst zeugt doch von Offenheit und Neugier, und beides wird durch das Zählen der Länder plötzlich messbar, oder? Nüchtern betrachtet lassen sich Offenheit und Neugier nicht in Zahlen fassen. Wieso suchen wir uns dann ausgerechnet die Zahl der Länder aus, um es doch zu tun?
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Je länger ich darüber nachdenke, desto merkwürdiger erscheint mir dieser Wettbewerb. Schließlich messen wir hier keine sportliche Leistung. Wir vergleichen auch keine Fähigkeit, die jedem gleichermaßen offensteht. Wir vergleichen etwas, das von Voraussetzungen abhängt, die höchst unterschiedlich verteilt sind. Hinter jeder Zahl steht jemand, der überhaupt zählen konnte.
Ich weiß nicht, wer damit angefangen hat, Länder zu zählen. Ich weiß nur, dass Reisen ein unfassbares Privileg ist, und dass niemand einen Zettel darüber führt, was ihn dazu berechtigt hat.
Natürlich kann man günstig reisen. Man kann trampen, couchsurfen, auf Luxus verzichten und sein Budget bis an die Grenzen ausreizen. Doch selbst die günstigste Reise braucht Ressourcen. Geld. Zeit. Gesundheit. Einen Reisepass, der Grenzen öffnet statt schließt. Die Freiheit, keine Kinder versorgen, keine Angehörigen pflegen zu müssen. Die Möglichkeit, sich überhaupt über Monate aus dem Alltag herauszulösen. Vielleicht wirkt der Wettbewerb um Länderzahlen deshalb manchmal so seltsam.
Er misst nicht nur Neugier, sondern auch Chancen.
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Trotzdem verstehe ich, warum diese Zahlen so verlockend sind. Reisen gehört zu den Erfahrungen, die wir nur schwer beschreiben können. Wie soll man Weltoffenheit messen? Wie Neugier? Wie die Veränderung, die eine Begegnung oder eine Reise in uns auslöst? All das entzieht sich der Logik von Tabellen und Ranglisten. Die Zahl der besuchten Länder wirkt deshalb wie eine praktische Abkürzung. Sie macht sichtbar, was unsichtbar ist.
Zumindest glauben wir das. Die Frage ist nur, ob sie das schafft. Jemand kann an einem Wochenende durch fünf europäische Staaten fahren und danach fünf neue Häkchen setzen. Ein anderer verbringt ein halbes Jahr in einem einzigen Land, lernt die Sprache, schließt Freundschaften und versteht irgendwann die kleinen Zwischentöne des Alltags. Wer von beiden hat mehr gesehen?
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Je älter ich werde, desto weniger interessiert mich die Antwort auf diese Frage.
Vielleicht, weil ich festgestellt habe, dass die prägendsten Erinnerungen ohnehin nicht in solchen Listen auftauchen. Dort steht nicht die Familie in Taiwan, die mir spontan den Weg erklärte. Nicht der Straßenhund in Indien, der mich tagelang begleitete. Nicht das Gespräch mit einer Reisenden in einem Hostel, an das ich mich Jahre später noch erinnere. Nicht das Gefühl, nachts allein durch eine fremde Stadt zu laufen und plötzlich zu merken, dass sie sich vertraut anfühlt.
All das hat keinen Platz in einer Statistik. Vielleicht liegt darin die eigentliche Schwäche des Länderzählens. Es versucht, etwas sichtbar zu machen, das sich nicht messen lässt. Neugier. Erfahrung. Begegnung. Veränderung.
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Den Zettel habe ich lange nicht mehr gesucht. Heute weiß ich nicht einmal mehr genau, wie viele Länder auf meiner Liste stehen. Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen. Nicht, weil die Länder unwichtiger geworden wären. Sondern weil die Zahl mir immer weniger über die Reisen selbst verriet.
Am Ende zählt nicht, wie viele Orte wir gesehen haben. Sondern welche uns geprägt haben.
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