Essay · Reisen & Beobachtungen
Wir schreiben das Jahr 2026. Albanien gilt inzwischen als günstige „Malediven-Alternative“ Europas mit azurblauem Wasser und Kieselstränden. Reisende weichen auf griechische Inseln wie Folegandros oder Lefkada aus, weil Santorini und Mykonos längst als überlaufen und überteuert gelten. Und in Japan rückt der Fokus zunehmend von der Kirschblüte im Frühjahr hin zum Herbst mit seinen rotgefärbten Ahornbäumen.
Noch ein paar Jahre zuvor waren es andere Orte, die gehypt wurden. So erlebte Usbekistan 2024 und 2025 einen regelrechten Tourismusboom. Lomboks Süden wurde zum neuen Paradies für Digitale Nomaden, nachdem Bali bei vielen als zu voll und touristisch ausgeschlachtet galt. Davor war es Sri Lanka, das plötzlich in aller Munde war.
Eine Sache haben all die genannten Reiseziele gemein. Sie waren oder sind derzeit Trend-Reiseziele, manche davon bereits an der Schwelle zum Overtourism. Aber muss jeder Trend oder gar Hype auch unbedingt unser eigener sein? Müssen wir all die Destinationen bereisen, die uns über Social Media immer wieder auf dem Servierteller präsentiert werden? Oder sollten wir nicht vielmehr fragen, welche dieser Orte wir wirklich selbst sehen wollen?
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Wenn in unserem Social-Media-Feed plötzlich ein uns bislang unbekanntes Reiseziel auftaucht, dauert es oft nicht lange, bis der Gedanke aufkommt: „Da möchte ich auch mal hin.“ Man gerät in eine Art Algorithmus-Sog, bekommt fast nur noch Videos und Bilder von diesem Reiseziel ausgespielt, speichert den einen oder anderen Reiseguide oder eine Restaurantempfehlung „schon mal für später“ ab. Der Ort landet schnell irgendwo im Hinterkopf, vielleicht auch auf der ohnehin nie endenden Bucketlist. Aber wann wird aus Inspiration eigentlich ein eigener Reisewunsch?
Wäre es nicht sinnvoller, sich erst einmal mit einem Land, seiner Kultur und seiner Geschichte auseinanderzusetzen, bevor wir allein aufgrund schöner Bilder und Videos eine Reise dorthin buchen? Geht es nicht vielmehr darum, an einen Ort zu reisen, weil er mich wirklich interessiert und nicht wegen des Gefühls, ihn „noch schnell“ erleben zu müssen, bevor er zu bekannt wird?
Ich selbst war im April 2024 in Usbekistan und gebe offen zu, dass ich bei der Wahl dieses Reiseziels stark von Social Media beeinflusst wurde. Usbekistan galt als Geheimtipp in der Reiseblogger-Bubble auf Instagram und war plötzlich in aller Munde. Die Bilder überzeugten mich, dazu kamen Erzählungen über äußerst gastfreundliche Einheimische. Also flog ich wenig später hin, um mir selbst ein Bild davon zu machen.
Nach knapp zwei Wochen dort kann ich sagen, in diesem Fall hatte das Land für mich einen berechtigten Hype. Meine Reise startete ich zu Beginn der Hochsaison und traf verblüffend wenige Touristen. In Restaurants aß ich fast ausschließlich usbekische Gerichte oder Essen aus umliegenden Ländern und Regionen. Europäische Küche? Vielerorts noch Fehlanzeige. Es fühlte sich noch nicht so an, als wäre der Ort eigens für internationale Besucher geschaffen worden.
Ganz anders empfand ich Lombok, ebenfalls 2024. Im Süden der Insel wimmelte es nur so von Digitalen Nomaden, die vermutlich dem Winter in Europa oder Nordamerika entflohen waren. Zwischen europäischen Restaurants und modernen Boutiquen hatte ich oftmals das Gefühl, dass sich hier längst eine eigene Welt für Touristen und Digitale Nomaden entwickelt hatte. Kuta gilt dabei als Hotspot mit Coworking-Hostels und Bürobereichen für all jene, die von dort aus arbeiteten.
Ein ähnliches Erlebnis hatte ich 2023 in Albanien, ebenfalls zu Beginn des aktuellen Tourismusbooms. Das Wasser war tatsächlich so türkisblau, wie es auf den Bildern aussah, und die Preise deutlich niedriger als an vielen anderen europäischen Küsten. Ich reiste außerdem durch die albanischen Alpen, die mich am Ende deutlich mehr beeindruckten als die Strände im Süden. Auch wenn ich das Land vielfältig und die Menschen gastfreundlich fand, verließ ich Albanien nicht mit der Begeisterung, die ich zuvor erwartet hatte.
Im Folgejahr besuchte ich dann Strände in Montenegro und Kroatien und fragte mich sogar, warum ich Albanien vorher so sehr idealisiert hatte – oder ob das nicht vor allem an dem ständig wiederkehrenden Malediven-Vergleich auf Instagram lag. Hatte ich womöglich nicht nur ein Reiseziel gebucht, sondern auch die Erwartungen, die mir vorher zuhauf gezeigt worden waren?
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Was also war in meinem Kopf passiert, dass ich mich für Lombok und Albanien entschieden hatte und beide Orte mich am Ende weniger beeindruckten als erwartet?
Social Media erzeugt, schneller als man glaubt, das Gefühl, einen Ort zu verpassen, wenn wir nicht auf der Stelle selbst dorthin reisen. Wir sehen dieselbe Bucht, denselben Aussichtspunkt und dieselben Sehenswürdigkeiten immer wieder, bis sich dieser Ort irgendwann vertraut anfühlt – obwohl wir noch nie dort waren. Beginnt hier schon eine Art von Sehnsucht, die wir von anderen übernehmen oder die uns der Algorithmus zumindest ein Stück weit vorgibt?
Was mich in Indonesien viel mehr vom Hocker haute als Lombok, war ein Reiseziel, das ich schon seit vielen Jahren bereisen wollte: die Insel Flores und den Komodo-Nationalpark. Damals zu Schulzeiten hatte ich eine Dokumentation von National Geographic über die Komodo-Inseln gesehen. Ich weiß noch ganz genau, wie fasziniert ich von der Landschaft und den Komodowaranen war, sodass die Region sofort auf meiner Bucketlist landete. Acht Jahre später war mein Wunsch, dorthin zu reisen, noch immer da. Es ist wahrscheinlich auch eine der wenigen Regionen, mit denen ich mich sehr intensiv auseinandergesetzt habe, ohne mich groß von sozialen Medien beeinflussen zu lassen. Für mich fühlte sich dieser Ort nach einem großen Lebensziel an, ein Gefühl, das ich beim Reisen ehrlicherweise nicht allzu häufig verspüre.
Das soll nicht heißen, dass eine Sehnsucht nur dann „echt“ ist, wenn sie möglichst lange besteht oder aus anderen Inspirationsquellen wie etwa einer Dokumentation anstatt von Instagram stammt. Auch Social Media kann uns Orte zeigen, von denen wir sonst nie erfahren hätten – wie in meinem Fall Usbekistan. Entscheidend ist vielleicht eher, was passiert, nachdem wir zum ersten Mal von ihnen gehört haben.
Bleibt die Neugier bestehen, wenn der nächste Trend schon in unserem Feed anklopft?
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Auch die sogenannten „Geheimtipps“ scheinen einem wiederkehrenden Kreislauf zu folgen. Sobald ein Ort zu voll, zu teuer oder schlicht zu bekannt geworden ist, jagen wir dem nächsten hinterher. Dem Strand, an dem morgens noch keine Liegen in Reihen stehen, der Stadt, die sich noch nicht nach Tourismus anfühlt, oder dem Ort, von dem angeblich noch niemand weiß und der abseits der üblichen Touristenpfade liegt.
Dann erzählen wir unserem Umfeld davon, posten Bilder im Internet, nennen ihn einen Geheimtipp und sorgen selbst dafür, dass er keiner mehr bleibt. Darin liegt ein gewisser Widerspruch.
Wir suchen Orte, die noch nicht alle entdeckt haben, und machen sie in dem Moment bekannter, in dem wir sie finden und mit anderen teilen.
Dabei sollten wir uns allerdings auch nichts vormachen. Einen Hype bewusst zu meiden, macht eine Reise nicht automatisch individueller. Auch der Satz „Ich war dort, bevor es touristisch wurde“ kann schließlich eine Art Statussymbol sein. So kann auch die Suche nach dem nächsten unentdeckten Ort genauso sehr zum Trend werden wie die Reise in das gehypte Land selbst. Es geht also gar nicht darum, plötzlich alle Orte zu meiden, die auf Instagram auftauchen.
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Ohne Reiseberichte, Dokumentationen, Bilder und heute eben auch Social Media hätte ich vermutlich einige Länder nie auf dem Schirm gehabt und somit auch nicht auf meine eigene Bucketlist gesetzt. Die Frage, die sich hier stellt, ist doch eher, was danach passiert.
Flores und Komodo wollte ich seit mehr als acht Jahren sehen. Lange bevor die Insel immer öfter in meinem Feed auftauchte. Eine Dokumentation hatte mir damals überhaupt erst diesen Ort gezeigt, lange bevor es Reiseblogger und Travel-Influencer gab. Über die Jahre kamen andere Reiseziele hinzu, verschwanden wieder, wurden gehypt und vom nächsten Geheimtipp abgelöst. In meinem Kopf blieb Flores aber immer.
Nicht jede Reise braucht eine solche Vorgeschichte, um sich wie ein eigener Wunsch anzufühlen. Aber vielleicht ist der Unterschied zwischen einer geliehenen und einer eigenen Sehnsucht am ehesten dort zu erkennen, wo der Feed einmal geschlossen ist und trotzdem etwas bleibt. Wo kein Algorithmus mehr nachschiebt, was man sonst noch verpassen könnte, und wo sich zeigt, welche Orte wirklich zu einem selbst gehören und welche nur vorübergehend im Kopf platziert wurden.
Vielleicht ist das die entscheidende Frage vor der nächsten Reise, nicht welcher Ort gerade überall zu sehen ist, sondern welcher auch dann noch im Kopf bleibt, wenn wir das Handy längst wieder weggelegt haben.
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