Essay · Reisen & Beobachtungen
Es war kurz nach 21 Uhr, als Google Maps beschloss, mich von einer der belebtesten Straßen Sa Pas in ein dunkles Wohngebiet zu schicken. Ich war auf dem Weg zu meinem Nachtbus, der vor dem Büro eines Reiseveranstalters abfahren sollte. Auf dem Rücken trug ich meinen großen Backpack, vor der Brust den kleinen. Sa Pa liegt in den Bergen im Norden Vietnams, und wer schon einmal dort war, weiß, kaum ein Weg führt einfach nur geradeaus. Also schleppte ich mich bergauf, völlig verschwitzt und zunehmend genervt von meinem Gepäck.
Die ersten paar Minuten meines Weges waren noch belebt. Man könnte fast sagen, in Sa Pa steppte der Bär und die Straßen waren voller Menschen. Doch nach etwa der Hälfte zeigte der blaue Navigationspfeil auf Google Maps plötzlich nach links in ein abgelegenes Wohngebiet mit engen Gassen, die nur zu Fuß begehbar waren. Ich schleppte mich weiter die Treppen hoch. Hier gab es keine Restaurants, Licht war eher Mangelware und die Wohnhäuser wirkten zum Teil verlassen.
Schon hier fühlte ich mich unwohl, und dann begegnete ich auch noch zwei Männern. Einer von beiden sagte etwas zu mir, aber ich verstand ihn nicht, sah ihn nicht einmal richtig an und starrte weiter geradeaus. Ich merkte, wie meine Beine auf einmal schneller wurden. Auch die beiden Männer gingen weiter.
Nun fragt ihr euch vielleicht, warum diese Geschichte überhaupt berichtenswert ist. Hier schon einmal der Spoiler vorab. Es ist überhaupt nichts passiert. Niemand hat mich verfolgt, geschweige denn bedroht. Vielleicht wollten die Männer mir sogar helfen und haben sich lediglich gefragt, was diese völlig verschwitzte Touristin mit zwei Rucksäcken nachts in ihrem Wohnviertel macht. Ich werde es nie erfahren. Trotzdem fühlte ich mich in diesem Moment unsicher, und das ausgerechnet in Vietnam.
Vietnam gilt als vergleichsweise sicheres Reiseziel und ich habe mich während meiner Reise keinen Moment wirklich unsicher gefühlt, obwohl ich alleine als Frau unterwegs war. Diese Situation regte mich allerdings zum Nachdenken an. Gibt es dieses „eine sichere“ Reiseziel für Frauen überhaupt, oder ist Sicherheit nicht vielmehr von der jeweiligen Situation abhängig?
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Wir sprechen über Sicherheit, als wäre sie eine feste Eigenschaft eines Ortes. Vietnam oder Spanien gelten beispielsweise als „sicher“, wohingegen bei Ländern wie Mexiko, Brasilien oder Indien häufig davon abgeraten wird, sie als Frau allein zu bereisen.
Mir ist bewusst, dass es zwischen Ländern erhebliche Unterschiede gibt. Politische Stabilität, Kriminalität, Gesetze, Infrastruktur und nicht zuletzt die gesellschaftliche Stellung von Frauen beeinflussen, wie sicher eine Reise sein kann. Auch Reisen in Kriegs- und Krisengebiete lassen sich ohnehin kaum mit einer gewöhnlichen Urlaubsreise vergleichen.
Aber kann man sich nicht auch im vermeintlich sichersten Land der Welt aufhalten und je nach Situation plötzlich einer Gefahr ausgesetzt sein? Gibt es nicht überall auf der Welt Menschen, die uns Gutes wollen – und solche, die es nicht tun?
Bei all den Rankings und Empfehlungen vergessen wir manchmal, wie klein die Einheit sein kann, in der Sicherheit tatsächlich entsteht. Wir müssen nur in die „falsche“ Straße abbiegen, uns zu einer ungünstigen Uhrzeit draußen aufhalten, eine einzige unliebsame Begegnung mit einem Fremden haben oder das „falsche“ Verkehrsmittel wählen.
Jene Gasse, durch die ich in Sa Pa lief, hätte auf mich um 14 Uhr vollkommen anders gewirkt. Vielleicht hätten Kinder vor den Häusern gespielt, Türen wären geöffnet gewesen, irgendwo hätte jemand gekocht und die zwei mir entgegenkommenden Männer wären vermutlich kaum eine Erwähnung wert gewesen. Vietnam war an diesem Abend nicht plötzlich unsicherer geworden. Nur die Bedingungen hatten sich verändert – und damit auch meine Wahrnehmung.
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Gerade als alleinreisende Frau lernt man ziemlich schnell, Situationen zu lesen. Wer läuft hinter mir? Wie weit ist es noch? Ist die Straße beleuchtet? Kann ich notfalls irgendwo hineingehen? Sollte ich lieber ein Taxi nehmen? Weiß jemand, wo ich gerade bin?
Viele dieser Gedanken laufen irgendwann beinahe automatisch ab. Wir lernen, nach Einbruch der Dunkelheit lieber ein offizielles Taxi zu nehmen, bestimmte Stadtviertel zu meiden, den eigenen Alkoholkonsum im Blick zu behalten oder in manchen Situationen lieber in einer Gruppe unterwegs zu sein. Manche Frauen buchen ausschließlich Frauenschlafsäle. Andere teilen ihren Live-Standort oder schicken Freunden die Nummer ihres Taxis. All diese Vorsichtsmaßnahmen sind sinnvoll und reduzieren vermeidbare Risiken. Garantieren, dass uns nichts passiert, können sie trotzdem nicht.
Ich hätte auf meinem Weg sicher die Option gehabt, umzudrehen, zurück auf die belebtere Straße zu gehen und mir per Grab einen Rollerfahrer zu bestellen. Die Zeit dafür hatte ich jedoch nicht, da ich zu meinem Nachtbus musste. Da erschien es mir als das kleinere Übel, einfach diese Straße „kurz“ entlangzulaufen und zu hoffen, dass nichts passiert.
Als ich endlich mein Ziel erreichte, war mein erster Gedanke ein erleichtertes „Puh, nochmal alles gut gegangen“. Kurz danach kam ein anderer. Wovor hatte ich eigentlich Angst? War es Intuition? Oder war es doch vielmehr antrainierte Angst?
Vielleicht gibt es kaum einen Ratschlag, den alleinreisende Frauen häufiger hören als: Hör auf dein Bauchgefühl. Aber was genau spricht da eigentlich mit uns? Ist es wirklich Erfahrung? Womöglich Sozialisation? Panikmachende Medienberichte? Die Geschichten anderer Frauen? Oder tatsächliche Warnsignale? Wahrscheinlich von allem etwas.
Die beiden Männer in Sa Pa hatten mir keinen objektiven Grund gegeben, Angst vor ihnen zu haben. Trotzdem hatte mein Kopf innerhalb weniger Sekunden aus Dunkelheit, Einsamkeit und zwei fremden Männern ein mögliches Gefahrenszenario gebaut. Vielleicht war das unfair. Vielleicht aber auch vernünftig. Das Schwierige ist, dass wir es meistens erst hinterher wissen.
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Darin steckt für mich ein Widerspruch, über den wir erstaunlich selten sprechen. Alleinreisen wird gern als ultimative Freiheit beschrieben. Wir entscheiden selbst, wann wir aufstehen, wohin wir gehen und wie lange wir bleiben – ganz nach unserem eigenen Rhythmus. Und gleichzeitig besteht ein Teil dieser Freiheit gerade für Frauen aus permanenter Risikokalkulation.
Gehe ich die zwanzig Minuten zu Fuß oder nehme ich das Taxi? Fahre ich nachts mit dem Bus? Trinke ich hier ein Bier? Sage ich dem Mann, den ich gerade kennengelernt habe, in welchem Hostel ich schlafe? Nehme ich die Abkürzung oder bleibe ich auf der großen Straße?
Jede einzelne dieser Entscheidungen ist klein. In ihrer Summe erzählen sie aber davon, dass Freiheit unterwegs nicht grenzenlos ist.
Ich denke, gerade wir alleinreisenden Frauen geben oft unbewusst einen Teil dieser Freiheit auf, um uns sicherer zu fühlen. Und häufig ist das vernünftig, denn Sicherheit und Freiheit stehen nicht immer auf derselben Seite. Gleichzeitig frage ich mich, was passiert, wenn wir beginnen, jede Begegnung mit Misstrauen zu betrachten. Gerade das Reisen lebt doch davon, sich mit Fremden auszutauschen und neue Impulse für das eigene Leben zu bekommen.
Es sind die kleinen Situationen wie etwa einen Fremden nach dem Weg zu fragen, der Empfehlung eines Einheimischen zu folgen oder mit jemandem ins Gespräch zu kommen, dessen Sprache man kaum oder gar nicht spricht. Viele meiner schönsten Reiseerinnerungen wären vermutlich nie entstanden, hätte ich jede Situation vermieden, die theoretisch ein Risiko hätte sein können.
Wir sollen aufmerksam sein, ohne ständig Angst zu haben. Fremden begegnen, ohne naiv zu sein. Auf unser Bauchgefühl hören, obwohl wir nicht immer wissen, wer ihm das Sprechen beigebracht hat. Meiner Meinung nach gibt es keine perfekte Formel dafür – und genauso wenig gibt es auch das eine sichere Reiseziel für Frauen, denke ich.
Natürlich würde ich vor einer Reise weiterhin nachlesen, welche Regionen ich gezielt meiden sollte, welche Verkehrsmittel als sicher gelten und welche Erfahrungen andere alleinreisende Frauen gemacht haben. Länder unterscheiden sich in ihren Risiken, das lässt sich nicht wegdiskutieren. Aber keine Statistik und kein Ranking kann mir sagen, wie sich eine bestimmte Straße an einem bestimmten Abend anfühlen wird.
An diesem Abend in Sa Pa ist mir zum Glück nichts passiert. Gerade deshalb ist mir diese unspektakuläre Situation so im Gedächtnis geblieben. Sie hat mir gezeigt, wie schwer Sicherheit zu greifen ist, solange nichts passiert – und wie schnell wir trotzdem glauben, sie verloren zu haben. Aber haben wir sie jemals zu 100 Prozent?
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